| Kaninchen-Schicksal Als ich meine Tochter Petra um Weihnachten 2002 das letzte Mal traf, machte sie ein ganz trauriges Gesicht und fing dabei an zu schluchzen: „Stellt Euch vor, der Gustaf ist gestern gestorben!“
Gustav war ein Genießer. War die Terrassentür offen, kam er gern in das Wohnzimmer. Wenn man dort im Sessel saß, hopste er einem auf den Schoß, um sich kraulen zu lassen. Ab und zu kostete er von den Grünpflanzen im Raum. Wenn Petra dann laut mit ihm schimpfte, wusste er gleich, dass es verboten war, und setzte sich in eine Ecke. Er war immer sorgfältig gepflegt; das Fell wurde ihm regelmäßig gebürstet. Seinen Stall und den Futternapf hielt er sauber und benutzte immer eine bestimmten Ecken als „Klo“. Sogar eine Fläschchen mit Wasser und eine Futterraufe war an einer Wand angebracht, ebenso ein Fenster, damit er rausgucken konnte. In seinem Leben hat Gustav einiges Aufregende überstanden.
Zweimal ist während eines Sturmes seine Holzbehausung umgefallen.
Zum Glück ist ihm außer einem Schrecken nichts passiert, sogar
die Scheibe blieb ganz. Gustaf hatte gelernt, allein aus der Hütte aus-
und einzusteigen. Im Garten durfte er an seiner Leine unter Aufsicht sein.
Nachbarskatze Gustel wollte nichts von ihm wissen - sie fauchte ihn bei
Annäherungsversuchen an. Dabei wollte Gustaf doch nur mit ihr spielen.
Wenn die Familie mit ihm in ihr Wochenendhaus fuhr, saß er manchmal auf Petras Schoß und guckte - zum Erstaunen der nebenan fahrenden Autofahrer - zum Autofenster hinaus, oder er lag unten zu ihren Füßen. Als er noch kleiner war, nahmen sie einen Käfig als Schlafplatz für ihn mit. Später hatte er ein größeres Behältnis. Im Forsthaus hätte er sich wohl gern mit Marias, meiner Enkelin, Zwergkaninchen „Hasi“ angefreundet, doch das duldete ihn nicht in seinem Gehege. Meistens hat er sich im Sommer dann dort im Garten, wo er ohne Leine hoppeln durfte, Zecken „aufgelesen“. Dann war bei beiden Hasen „Zeckenlese“ angesagt; dabei hielt Gustaf meistens ganz still. Gustaf hat seine Familie viel Freude bereitet. Sein Tod war nicht leicht zu verschmerzen. Weil Petra gar so traurig war, brachte ihr Freund Frank gleich nach Sylvester ein neues und diesmal ein Zwergkaninchen mit: Als er abends heimkam, machte er seinen Mantel auf und holte die kleine schwarz-weiße Emmi hervor.
Möge sie der Familie meiner Schwester genau soviel Freude bereiten wie der Gustav! Lydia Radestock, im Januar 2003 |